Schädigungsmuster der Hand
Auf Grund ihrer herausragenden Stellung und der anatomischen Besonderheiten bedürfen Erkrankungen der Hand – insbesondere Verletzungen – einer schnellen, effektiven und patientenorientierten individuellen Therapie. Es ist dabei zunächst bezüglich der Ursache der Funktionsstörung zu unterscheiden, auf die im weiteren kurz eingegangen werden soll:
1. Verletzungen:
Die häufigste Ursache sind Unfälle im Haushalt oder während der beruflichen Tätigkeit. Durch äußere Gewalteinwirkung können die Strukturen der Hand in unterschiedlicher Weise geschädigt werden:
- geschlossene Verletzungen der Weichteile ohne Begleitverletzung
- offene Verletzung mit einfacher Kontinuitätsdurchtrennung der Haut oder begleitender Verletzung tiefer Strukturen insbesondere der Gefäße, Nerven, Sehnen oder Knochen
- Verletzung der tiefen Strukturen ohne Durchtrennung der Haut z.B. Überstreckung der Fingergelenke mit Abriss einer beugeseitigen Bindegewebsplatte beim Ballspiel (Abruptio fibrocartilago) oder knöcherner Abriss des ellenseitigen Seitenbandes am Daumengrundgelenk ("Skidaumen")
- Übergreifen eines oberflächlichen Wundinfektes auf tiefere Strukturen mit daraus resultierendem eigenen Krankheitsprblematik
- Verbrennung, Verbrühung, Erfrierung oder Verätzung (z.B. Flußsäure)
Das initiale Schädigungsausmaß muss allerdings nicht dem späteren, endgültigen Umfang entsprechen. So können z.B. 90 Prozent einer Sehne durchtrennt sein, ohne das zunächst ein Funktionsverlust nachweisbar ist. Durch kulissenartige Verschiebungen der Weichteile sind bei Schnittwunden häufig die Verletzungen der tiefen Strukturen nicht sichtbar. Besonders unterschätzt werden bezüglich der Unfallfolgen Bissverletzungen, thermische Schädigungen oder chemische Substanzen. Das Ausmaß der Zerstörung der Weichteile besitzt eine hohen Stellenwert für das zu erwartende Heilverlauf.
2. posttraumatische Funktionsstörungen:
- bei ausgedehnten Verletzungen mit initialem Verlust von Weichteilen, Gefäßen oder Sehnenverletzungen
- Zertrümmerung von Gelenkanteilen mit nachfolgendem Gelenkverschleiß (posttraumatische Arthrose)
- fehlverheilte Knochenbrüche (Achs- und Drehfehler)
- primär nicht diagnostizierte Verletzungen z.B. Bandverletzungen der Handwurzel mit späteren Kollaps der Handwurzel
- verspäteter Therapiebeginn
- langanhaltende Immobilisierung der Hand
- anatomiebedingte Schadensanlage z.B. Zerreißung der langen Daumenstreckersehne nach handgelenksnahem Speichenbruch
- nach einem komplexen regionalen Schmerzsyndrom (CRPS)
- bei wiederholter Fehlbelastung z.B. aseptische Knochennekrose des Mondbeins
3. andere Erkrankungen:
- altersbedingter Gelenkverschleiß (Arthrose)
- rheumatischer Formenkreis
- Nervenkompressionssyndrome
- Bindegewebserkrankungen (Dupuytrensche Kontraktur, "schnellender Finger")
Die Therapie richtet sich naturgemäß nach dem Schädigungsmuster, dem Zeitpunkt der Diagnosestellung und in enger Kooperation zum Patienten, der in der Nachbehandlungsphase durch die entsprechende Fortführung der begonnenen Rehabilitation wesentlich zum Therapieerfolg beiträgt. Den speziellen Anforderungen der Unfall- und Wiederherstellungschirurgie der Hand folgend können Grundsätze formuliert werden, wobei jeder Behandlungsfall individuell zu gestalten ist:
- genaue klinische Untersuchung und umfassende bildgebende Diagnostik
- frühest möglicher Therapiebeginn
- genaues Abwägen einer konservativen gegenüber operativer Therapie
- weichteilschonende Verfahren
- bei Gefäß- oder Nervenverletzungen Anwendung mikrochirurgischer Techniken
- übungsstabile Versorgung von Knochenbrüchen
- primäre Sehnenaht mit Übungsbehandlung nach Kleinert bei Sehnenverletzungen
- primäre Weichteildeckung, falls erforderlich frühzeitige plastische Deckung
- ergotherapeutische und physiotherapeutische Nachbehandlung einschließlich physikalischer Anwendungen
- Anstreben eines funktionell und kosmetisch guten Behandlungsergebnis










