Anatomie der Hand

Neben der Fähigkeit zur Sprache sind es vor allem die vielfältigen Möglichkeiten unserer Hände, die uns Menschen von allen anderen Lebewesen unterscheiden. Sie gestatten uns, im Regelfall alle erforderlichen Tätigkeiten des täglichen Lebens unmittelbar oder unter zu Hilfenahme verschiedener "Werkzeuge" zu bewältigen. Neben diesen praktischen Gesichtpunkten besitzt die menschliche Hand aber auch noch eine Reihe weiterer sozialer Funktionen z.B. beim Händeschütteln, die sie unverzichtbar macht. Im Rahmen der Evolution hat sich ein Organsystem herausgebildet, deren Teile perfekt aneinander angepasst sind.
Das Handskelett wird dabei in die Knochen der Handwurzel (Carpus), der Mittelhand (Metacarpus) und der Finger (Phalanges) unterteilt. Die Handwurzelknochen sind in zwei Reihen angeordnet, wobei die erste, speichen- und ellennahe Reihe - bestehend aus Kahnbein (Scaphoid), Mondbein (Lunatum) und Dreieckbein (Triquetrum) mit dem angelagerten Erbsenbein (Pisiforme) - zusammen mit den Gelenkflächen der Speiche (Radius) und der Elle (Ulna) das körpernahe Handgelenk bildet, das durch eine der Elle vorgeschaltete Knorpelscheibe (Discus articularis) vervollständigt wird. Das körperferne HandgeIenk verläuft dann zwischen den beiden Reihen der Handwurzelknochen Verbindung mit dem handgelenksnahen Speichen-Ellen-Gelenk (Articulatio radioulnaris distalis oder distales Radioulnargelenk) werden so umfassende Bewegungsmöglichkeiten Umwendbewegungen (Pronation / Supination), Beugung oder Streckung (Flexion - Extension) sowie Seitwärtsführung (Radial- oder Ulnarduktion) verwirklicht. Beide Handgelenke wirken funktionell zusammen, die einzelnen Handwurzelknochen können sich innerhalb ihrer Reihen zusätzlich gegeneinander verschieben. Eine intakte Handwurzel ist für eine ungestörte Greiffunktion und Kraftübertragung unbedingt erforderlich. Die Handwurzel wird durch straffe Gelenkverbindungen an die Mittelhandknochen angebunden. Eine Ausnahme stellt jedoch das Daumensattelgelenk (Articulatio carpometacarpea I) dar. Durch dieses Gelenk wird z.B. die Gegenüberführung (Oppositionsbewegung) des Daumens möglich, was die Sonderstellung des Daumens gegenüber den anderen Fingern begründet und komplizierte Greifbewegungen wie den Schlüsselgriff oder Spitzgriff gestattet. Die Fingergrundgelenke (Articulationes metacarpophalangeae I-V) und die Gelenke zwischen den Fingergliedern (Articulationes interphalangeae) komplettieren die Gelenkverbindungen der Hand. Die Gelenke werden durch Bänder (Ligamente) verstärkt, wodurch vor allem im Bereich des Handgelenkes und der Handwurzel ein komplexer Bandapparat gebildet wird, der für die ungestörte Funktion eine wesentliche Bedeutung besitzt.
Die Muskelgruppen des Unterarmes, deren Sehnen an der Hand ansetzen werden entsprechend ihrer Lage - beugeseitig (volar), streckseitig (dorsal), speichenseitig (brachioradial) - oder ihrer Funktion Beuger (Flexoren), Strecker (Extensoren) unterteilt. Die Beugung der Finger wird immer durch zwei getrennte Muskeln umgesetzt, wobei im Bereich der Langfinger eine tiefe von einer oberflächlichen Sehne und am Daumen ein langer von einem kurzen Beuger (der allerdings direkt an der Hand entspringt) unterschieden werden. Der Kleinfinger besitzt ebenfalls noch einen weiteren Beugemuskel. Die mehrfache Versorgung ist für die Beurteilung möglicher Sehnenverletzungen von besonderer Bedeutung. Während der Daumen auch zwei getrennte Strecker aufweist, ist an den übrigen Fingern jeweils eine Strecksehnehaube (Streckaponeurose) vorhanden. Lediglich der Zeigefinger besitzt einen zusätzlichen Streckmuskel (Musculus extensor indicis), der sich deshalb hervorragend für Sehnenersatzplastiken eignet. Im Bereich der Hand werden die Muskeln des Handtellers (intrinsische Muskulatur) von denen des Kleinfingerballens (Hypothenar) und des Daumenballens (Thenar). abgegrenzt. Neben einer
Feinjustierung der Fingerbewegungen sind sie für die erhöhten Bewegungsmöglichkeiten des Daumens und des Kleinfingers verantwortlich. Auch für die Sehnenfunktion existieren ergänzende Bänder - z.B. die Ringbänder an den Fingern, die eine optimale Kraftübertragung gewährleisten, oder das Retinakulum flexorum, das mit den Handwurzelknochen den Karpalkanal bildet. Störungen dieser Bandstrukturen können deshalb eigenständige Krankheitsbilder wie den "schnellenden Finger" (Digitus saltans) oder das bekannte Karpaltunnelsyndrom hervorrufen. Die Sehnenscheiden sind für ein reibungsfreies Gleitverhalten und im gewissen Umfang auch für die Sehnenernährung verantwortlich. Außerdem besitzen sie eine besondere Bedeutung für die Ausbreitung von Infektionen der Hand (Sehnenscheidenphlegmone). Die Weichteile der Hohlhand werden durch eine Bindegewebsplatte (Aponeurosis palmaris oder Palmaraponeurose) geschützt, deren krankhafte Veränderung mit nachfolgender Streckunfähigkeit der Finger als Dupuytrensche Kontraktur bezeichnet wird.
Die Blutversorgung der Hand erfolgt über zwei Schlagadern (Arterien): die Speichenschlagader (Arteria radialis) und die Ellenschlagader (Arteria ulnaris), die vielfältige Verbindungen zueinander eingehen und den tiefen und oberflächlichen Hohlhandbogen (Arcus palmaris profundus bzw. Arcus palmaris superficialis) bilden. Durch diese Verbindungen (Anastomosen) kann in vielen Fällen einer Schlagaderverletzung eine kritische Durchblutung (Ischämie) vermieden werden. Andernfalls droht der Verlust der durch diese Hauptschlagader versorgten Handabschnitte. Die Versorgungsmuster variieren dabei erheblich zwischen den Menschen, so dass im Falle einer Gefäßverletzung im Handgelenk- bis Hohlhandbereich eine Rekonstruktion des verletzten Gefäßes angestrebt werden sollte. Von den Arterien der Mittelhand ausgehend entspringen für die jeweils 4 Gefäße, welche die Versorgung der Finger übernehmen. Eine einzelne Gefäßverletzung kann deshalb bei intakten übrigen Gefäßen problemlos toleriert werden. Der Abfluss des Blutes wird durch die Venen vermittelt, wobei das Venennetz am Handrücken (Rete venosum dorsale) besonders augenfällig ist. Zusätzlich exisitiert ein feines und sehr aktives Gefäßsystem, welches die Lymphe abtransportiert und in der Abwehr von Infektionen eine wichtige Rolle spielt. Hierin ist auch die starke Schwellneigung der Hand bei Störungen diese Transportsystems z.B. nach Unfall begründet.
Die sensible Nervenversorgung der Hand wird durch 3 Nerven vermittelt - den Speichennerven (Nervus radialis), den Ellennerven (Nervus ulnaris) sowie den zwischen diesen Nerven gelegenen Nervus medianus. Jeder dieser Nerven versorgt ein eigenes Gebiet, weshalb eine Schädigung immer zu einem entsprechenden Ausfall der Empfindlichkeit führen muss. Die Größe dieses Ausfallgebietes ist allerdings individuell unterschiedlich. Zusätzlich wird auch die Muskulatur der Hand durch zwei von diesen Nerven aktiviert, so dass bei einer Schädigung eine nerventypische Lähmung - Krallenhand (Nervus ulnaris) oder Schwurhand (Nervus medianus), oder eine Rückbildung der Muskulatur (Muskelatrophie) sichtbar wird. Dem Verlauf der Arterien folgend existieren auch 4 Nerven pro Finger, die im Fall einer Verletzung - soweit möglich - rekonstruiert werden sollten. Die Nerven der Hand sind sowohl bei einem Unfall als auch auf Grund spezieller Verläufe durch Erkrankungen des Bindegewebes (Nervenkompressionssyndrome wie z.B. der Nervus medianus beim Karpaltunnelsyndrom) gefährdet. Da die Nervenregeneration meist eine lange Dauer und bei späten Therapiebeginn zum Teil auch eine nicht sicher bestimmbare Prognose aufweist, ist eine frühzeitige Versorgung erforderlich.
Die Haut und das Unterhautgewebe der Hand weist im Vergleich zu anderen Körperteilen ebenfalls Besonderheiten auf. So sind die Hautleisten der Fingerbeeren (Papillarleisten) derartig individuell, dass sie als Fingerabdruck zur Identifizierung herangezogen werden. Durch ihre extrem hohe Dichte an hautspezifischen Sinnesorganen wird das sprichwörtliche Fingerspitzengefühl erst möglich. Des weiteren sind an der Hand auch überproportional viele Schweißdrüsen vorhanden.










