letzte Aktualisierung: 24.10.2014 Initiative Medizin Online


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Geschichte | 1946-1960

Konturen entwickeln sich (1946-1960)

Die Bedingungen sind schlecht. Die ehemalige Schule in der Wurzener Straße, in der eine Innere, eine Chirurgische und eine Frauenabteilung untergebracht werden müssen, ist für einen Krankenhausbetrieb kaum geeignet. Den 130 Patienten der Inneren Abteilung steht nur eine Badewanne zur Verfügung, die sich zudem in der Toilette der Männerstation befindet. Christiane Jork, damals Stationsgehilfin, erinnert sich: "Die Kranken kamen zu Fuß, im Rollstuhl oder wurden mit dem Leiterwagen gebracht, denn einen Krankentransport gab es nicht. Unsere Arbeit war schwer. Die Küche lag im Keller, und da wir keinen Fahrstuhl hatten, mussten wir die schweren Essenkübel bis in die vierte Etage schleppen. Wenn bei Operationen der Strom ausfiel, wurden Karbidlampen oder andere Hilfsbeleuchtungen eingesetzt." Und Meta Sund, damals Stationsschwester, ergänzt: "Ich erlebte noch die Zeit der Strohsäcke, und in den Zimmern standen acht, zehn oder mehr Betten. Darunter waren noch Holz- und Feldbetten."
Geringfügig besser sind da schon die Umstände im ehemaligen Güntzheim. Es scheint als Infektionskrankenhaus unter diesen Umständen wie geschaffen: viele kleine Zimmer, eine große Küche, ein Waschhaus. Die hier gewonnene Bettenzahl wird für Ende 1946 mit 1000 und Ende 1947 mit 915 angegeben.

Poliklinik Trachau (Eingang) 1951Es ist eine Zeit, die dem medizinischen Personal grenzenlose Hingabe und überlebenswichtige Improvisationskunst abverlangt. Auf Grund der energischen Maßnahmen der Dresdner Stadtverwaltung beginnt sich die Zahl der verfügbaren Krankenhausbetten bei 6000 zu stabilisieren. Auf 1000 Einwohner kommen damit etwa 14 Betten. Unter dem Begriff Krankenhaus Neustadt sind die Standorte Industriestraße in Trachau, Wurzener Straße in Pieschen, Goethestraße in Klotzsche, das Ermelhaus, das Fiedlerhaus und der Haideberg in der Oberlößnitz, Weinbergstraße in Trachenberge und die Orthopädische Klinik von Dr. med. Büschelberger auf der Neuländer Straße vereint. Das Haus B im Gelände an der Industriestraße wird am 14. Februar 1948 als zweite Dresdner Poliklinik eröffnet. Ein Jahr später werden dort monatlich über 15 000 Patienten behandelt. 1952 wird sie organisatorisch dem Krankenhaus zugeordnet. Während es dem Dresdner Gesundheitswesen gelingt, die Typhusepidemie, auch durch die konsequente Eingliederung der freipraktizierenden Ärzte über das sogenannte "Sprengelarztsystem" in den öffentlichen Gesundheitsdienst, nach und nach einzudämmen, nehmen die Tuberkuloseerkrankungen als Ausdruck der schlechten Lebensbedingungen weiter stetig zu. Neben den vorhandenen Tbc-Heilstätten Haideberg und Fiedlerhaus muss 1948 auch in der Industriestraße eine Tuberkuloseabteilung mit 104 Betten geschaffen werden. Die Mehrzahl der Krankenhausbetten wird in den Jahren 1946 bis 1948 jedoch zur Behandlung von Haut- und Geschlechtskrankheiten benötigt.

Im Jahr 1947 kündigen Erkrankungen im Raum Bautzen eine Kinderlähmungsepidemie an. Diese heimtückische, hochinfektiöse Krankheit befällt vor allem Klein- und Schulkinder, aber auch Erwachsene. Wenn die Zwerchfell- und Zwischenrippenmuskulatur betroffen sind, besteht akute Lebensgefahr. Die Kranken müssen künstlich beatmet werden. Die dazu benötigten technischen Geräte stehen im Nachkriegsdeutschland nicht zur Verfügung. In dieser Situation improvisiert der Mediziner Dr. med. A. Dönhardt gemeinsam mit Ingenieuren der Deutschen Werft in Hamburg unter Verwendung der Torpedo- Decksbehälter eines Unterseebootes, eines Fischkuttergetriebes und eines Elektromotors den Prototyp eines Tankrespirators, eine "Eiserne Lunge". Ein solches Beatmungsgerät wird 1947 auch in Trachau aufgestellt, ein weiteres folgt 1949. Damit kann wirksam geholfen werden. Das Infektionskrankenhaus an der Trachauer Industriestraße übernimmt die Behandlung Schwerstkranker mit drohender Atemlähmung. Ein Beatmungszentrum entsteht. Zwischen 1949 und I960 werden über 400 akut und chronisch Atemgelähmte versorgt. Mehrere müssen in Dauerbehandlung bleiben, Monate, Jahre, ein Leben lang! Hier findet eine junge Ärztin, eine Berufsanfängerin aus Leipzig, ihren Lebensinhalt - Frau Dr. med. Waltraut Fritzsch. Der Kampf gegen die Poliomyelitis und die Fürsorge für die Betroffenen motivieren sie weit über ihre Pensionierung hinaus bis in unsere Tage.

Bereits 1947 wird in Trachau neben den Infektionsbereichen auch eine Innere Abteilung - mit 147 Betten ist sie größer als die auf der Wurzener Straße - geschaffen. Es zeichnet sich ab, dass die provisorische Nutzung des Altersheimes kein Provisorium bleiben wird. Ende 1948 verlassen die Fachrichtungen Hautkrankheiten und Venerologie das Trachauer Krankenhaus. Die Errichtung von drei Baracken als Hilfsbauten auf dem Gelände an der Industriestraße zwischen 1948 und 1950 verbessert die Arbeits- und Lebensbedingungen. Eine Röntgenabteilung entsteht.

Im Jahre 1950 bzw. Anfang 1951 beginnt die Dresdner Stadtverwaltung, die über die ganze Stadt verteilten Krankenhäuser zu den drei Krankenhauskomplexen Johannstadt, Friedrichstadt und Neustadt zusammenzufassen. Die dabei wohl schwierigste Aufgabe überträgt sie dem 36jährigen Dr. med. Alfred Schmeiser, seit 1948 Leiter des Infektionskrankenhauses Trachau. Während in Johannstadt und Friedrichstadt alte Krankenhausanlagen wiedergewonnen werden müssen, obliegt Dr. med. Schmeiser als Ärztlichem Direktor die Zusammenführung und Umprofilierung der improvisierten Standorte im Dresdner Norden zum Krankenhaus Dresden-Neustadt, einem Krankenhaus ohne jegliche Tradition und Erfahrung. Alfred Schmeiser, 1914 in Jablunkov in der Tschechoslowakei geboren, studiert in Prag Medizin und kommt über die Stationen Tbc-Heilstätte Hochweitzschen, Krankenhaus Bautzen, wo er seine Facharztausbildung als Internist vollendet, 1945 nach Dresden und vom Krankenhaus in der Wurzener Straße 1947 nach Trachau. Ihn kann man wohl mit Fug und Recht als den eigentlichen Schöpfer des Krankenhauses Dresden-Neustadt bezeichnen, das er ununterbrochen bis zu seinem tragischen Unfalltod 1970 leitet. An seiner Seite sind erfahrene ältere und engagierte junge Mediziner tätig, wie der Orthopäde Dr. med. Büschelberger, die Internisten Dr. med. Rößler und Prof. Dr. med. Lickint, die Chirurgen Dr. med. Tzamalukas und Dr. med. Kaiser, die Frauenärztin Dr. med. Bergander, die Kinderärzte Frau Dr. med. Zwingenberger und Prof. Dr. med. Dietzsch. Viele leben auf Grund ihrer herausragenden menschlichen Qualitäten in der guten Erinnerung ihrer Patienten und Kollegen fort.
Ende 1951 inspizieren Kommissionen der Dresdner Stadtverwaltung, denen jeweils zwei Stadt verordnete, ein Arzt, eine Schwester, ein Vertreter der SVK (Sozialversicherungskasse) aus einem Großbetrieb sowie ein Vertreter des Dezernats Gesundheitswesen angehören, die Krankenhäuser. Die Situation ist nach wie vor sehr ernst. Es gibt zu wenig Betten für kranke Kinder und Pflegekranke. Diese müssen mitunter wochenlang auf die Aufnahme warten. Die Krankenhäuser bedürfen innen und außen einer gründlichen Renovierung. Es fehlt an Krankenbetten und medizinischen Instrumenten, die zum Teil nur im Westen Deutschlands hergestellt werden. Ein von den westlichen Besatzungsmächten ausgesprochenes Ausfuhrverbot von Medikamenten (z.B. Morphium) in die DDR behindert seit längerem die medizinische Versorgung. Eine eigene pharmazeutische Industrie ist erst im Aufbau bzw. in die Reparationsleistungen gegenüber der UdSSR eingebunden. Größter Engpass ist die Versorgung mit Verbandsstoffen und Wäsche. Die Ernährungslage in den Krankenhäusern ist kritikwürdig, die Verpflegungskostensätze sind viel zu niedrig festgelegt.
Dr. med. G. Rößler (6.v.l.) und Verwaltungsleiter Kurt Pischtschan (1.v.l.) mit Schwestern der Jugendstation (1953)

Ein Hauptproblem ist jedoch die starke Überlastung des medizinischen Personals. Es gibt Stationen mit Schwerkranken, bei denen nur noch eine erfahrene ältere Schwester tätig ist. Die gesetzlich zugesicherte 48-Stunden-Woche bleibt Illusion.
In den Einrichtungen des Krankenhauses Neustadt sind 16 von 67 Arztplanstellen nicht besetzt. Bei den Pflegekräften fehlen 34 von 362. Ein Ausweg wird in verstärkten eigenen Bemühungen der Krankenhäuser zur Gewinnung und Qualifizierung von Berufsnachwuchs gesucht. In Trachau wird im Frühjahr 1951 eine erste "Jugendstation" unter Leitung von Dr. med. Rößler als Ausbildungsstation eröffnet.
Von 1952 bis 1956 werden unter der Leitung der Stationsschwestern Gertrud Böhm und Waltraud Handschugg sowie der Oberschwester Martha Marquardt hauseigene Sonderlehrgänge für Krankenpflegerinnen durchgerührt. Viele dieser Pflegerinnen qualifizieren sich danach über den Besuch einer Abendschule zu Vollschwestern. Der erste Lehrgang wird am 15. Oktober 1952 abgeschlossen. Ende 1952 laufen am Krankenhaus Dresden-Neustadt Lehrgänge für Hilfsschwestern, Hilfspfleger und OP-Schwestern. In der Orthopädischen Klinik auf der Neuländer Straße findet ein Lehrgang für Krankengymnastikhelferinnen statt. Die jungen Leute bringen Optimismus und frischen Wind in die Einrichtungen. Am Krankenhaus Dresden-Neustadt entstehen ein Schwesternchor, ein Jugendchor mit ca. 60 Mitgliedern und eine Volkstanzgruppe, die auch vor den Patienten auftreten. Geprobt wird mittags in der Freizeit, gearbeitet im geteilten Zehnstundendienst. Trotz der hohen Arbeitsbelastung gibt es in nahezu allen Häusern drei bis vier Kulturveranstaltungen im Monat, die von den Patienten dankbar angenommen werden.


SchwesternchorIn den Jahren zwischen 1953 bis 1955 sind die acht massiven Häuser des Trachauer Krankenhauskomplexes an der Industriestraße folgendermaßen belegt:
In den Häusern A und B befinden sich poliklinische Ambulanzen und Einrichtungen der Gesundheitsfürsorge. Hier sind das Gesundheitsamt (Nebenstelle I des Dezernats Gesundheitswesen), eine Mütterberatung, eine Tuberkulosefürsorge, Röntgenstation, Zahnstation, Medikamentenausgabestelle sowie die poliklinischen Ambulanzen für Chirurgie, Inneres, Neurologie, Hals-, Nasen- und Ohrenerkrankungen und Augenerkrankungen. Das Haus C gehört zur Medizinischen Klinik und nimmt das Beatmungszentrum sowie die Abteilung zur Behandlung Poliomyelitiskranker auf. Haus D ist allgemeine Medizinische Klinik und Haus E die Abteilung für Lungentuberkulose. Im Haus F befinden sich die Stationen für Hals- und Racheninfektionen der Medizinischen Klinik, im Haus G die Scharlachstation. Das Haus H beherbergt Apotheke, Wirtschaftsabteilung sowie Schwesternwohnräume. Eine Baracke hinter dem Haus D wird Isolierstation.

Sportfest (1950)Das ist der Ausgangspunkt für die strukturellen und funktionellen Veränderungen, die in den Folgejahren die Entwicklung des Stadtkrankenhauses Dresden-Neustadt prägen. Diese Veränderungen stehen auch im Zusammenhang mit dem Aufbau der Medizinischen Akademie Dresden als Hochschuleinrichtung, an die bereits 1954 die Orthopädische Klinik unter Dr. med. Büschelberger abgegeben wird.
Das erklärte Ziel für die Neuordnung des Krankenhauses Dresden-Neustadt ist, anstelle des Infektionskrankenhauses an der Industriestraße Kliniken der vier großen medizinischen Fachgebiete einzurichten und damit die Voraussetzungen für die Auflösung der stationären Bereiche in der Wurzener Straße zu schaffen. Für 1958 wird das Ziel gestellt, 800 "qualifizierte Betten" in der Industriestraße zu gewinnen.
Die Veränderungen beginnen mit der Errichtung der Kinderklinik im Haus E sowie der Einrichtung einer internen Kinderstation und einer Scharlachstation im Haus G. Die bisher im Haus E untergebrachten Tuberkulosekranken werden in der Klinischen Abteilung für Lungentuberkulose Haideberg, Ermelhaus und Fiedlerhaus und in der Tagesliegestätte Heidepark in der Fischhausstraße mit insgesamt rund 100 Plätzen weiterbehandelt.

Poliklinik Mickten, Wurzener Straße (1960)Mit der Eröffnung der Kinderklinik am 27. Februar 1956 wird einem dringenden Bedarf im Dresdner Norden abgeholfen. Die Klinik steht unter Leitung der erfahrenen Kinderärztin Dr. med. Zwingenberger, die mit den Oberärztinnen Dr. med. Schmeiser und Dr. med. Eichhorn aus dem Johannstädter Krankenhaus nach Trachau wechselt. Gleichzeitig schließt die Städtische Kinderklinik im ehemaligen Möllerschen Sanatorium in Oberloschwitz, in das jetzt die Innnere Abteilung des Krankenhauses Wurzener Straße einzieht. In der Wurzener Straße entsteht durch die Übernahme der bisher in Trachau befindlichen Einrichtungen die Poliklinik Mickten. So kann in Trachau zwei Jahre später die Medizinische Klinik das Haus A belegen.
Die Chirurgische Klinik unter ihrem Chefarzt Dr. med. Kaiser wird 1958 aus der Wurzener Straße nach Trachau verlegt und übernimmt die Häuser C und D.

Durch die organisatorische Angliederung der in der Loschwitzer Hermann-Prell-Straße eingerichteten Klinikbereiche für Inneres, Urologie und Entbindung sowie der von Frau Dr. med. Ursula Bergander geleiteten Entbindungsklinik auf der Otto-Wagner-Straße erhöht sich die Bettenzahl des Krankenhauses Dresden-Neustadt in der Übergangszeit zeitweise auf rund 1700 Betten. Die Konzentration der Kliniken im Hauptkomplex Industriestraße findet 1960 mit dem Umzug der Frauenklinik unter Chefarzt Dr. med. Fink von der Wurzener Straße nach Trachau und der Übernahme des rekonstruierten Hauses B 1963 ihren Abschluss.

© Verlag Horst R. Rein, Dresden, 1998

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